Kurzverben (4): Hochdeutsche und schweizerdeutsche Kurzverben

Was ist ein Kurzverb? Woran erkennt man Kurzverben? Und wie unterscheiden sich Schweizerdeutsch und Standarddeutsch („Hochdeutsch“) in dieser Hinsicht?

Inestäche,
umeschlaa,
durezieh,
und abelaa.

Merkmal 1: Kürze. Kurzverben zeichnen sich durch einsilbigen Infintiv aus, der auf langen Vokal auslautet – wie z.B. im Sprüchlein, mit dem man Stricken lernt: schlaa ’schlagen‘, zieh ‚ziehen‘, laa ‚lassen‘. Auch der Präsensstamm ist im Singular und Plural einsilbig und lautet auf Vokal aus (du schlaa-sch, mir schlö-nd, sie laa-t ‚du schlägst, wir schlagen, sie lässt‘). Dies trifft im Standarddeutschen nur auf die Verben sein, tun, sowie gesprochen haben, stehen und gehen zu, im Schweizerdeutschen jedoch auf eine Reihe weiterer Verben.

Kurzverben vs. Normalverben

Grafik 1: Kurzverben vs. Normalverben

Merkmal 2: Pluralbildung. Ein weiteres zentrales Merkmal neben Kürze ist die Pluralbildung bei schweizerdeutschen Kurzverben: Der Plural hat einerseits eine andere Endung als Normalverben und andererseits wenn möglich einen Umlaut (ä, ö, ü): ich loo, mir lönd ‚ich lasse, wir lassen‘. Mehr Anschauungsmaterial bietet die folgende Tabelle (Kurze Formen sind kursiv, unregelmässige fett. Stellvertretend fürs Schweizerdeutsche stehen die Formen meines Schaffhauser Dialekts, der den Plural mit Umlaut und der Endung -nd (Normalverben: -ed) bildet; andere Dialekte bilden den Plural z.T. anders.).

Inf. 3. Sg. 3. Pl. Standarddeutsch
sii isch sind sein
tue tuet tönd tun
haa hät händ haben (ham)
stoo stoot stönd stehen (stehn)
goo goot gönd gehen (gehn)
loo loot lönd lassen
schloo schloot schlönd schlagen
fange (faa) fangt (faat) fanged (fönd) fangen
gsee gseet gsend sehen
zie (züche) zieht (zücht) ziehnd (züched) ziehen
flieh (fliehe) flieht fliehnd fliehen
gschee gscheet geschend (gschehed) geschehen
choo chunt chömed (chönd) kommen
gää git gänd (gäbed) geben
nää nimmt (ninnt) nähmed (nänd) nehmen
mache macht mached (möched) machen
grunze grunzt grunzed grunzen
Tabelle 1: Kurzverben im Schaffhauserdeutsch.

Weitere Kurzverb-Allüren sind bei den Modalverben auszumachen: er cha ‚er kann‘, sie mo ’sie muss‘, mir wä-nd ‚wir wollen‘ (mehr dazu in Teil 5). Anzumerken ist, dass „das Schweizerdeutsche“ nicht einheitlich ist, sondern es sich um Dialekte handelt, die ineinander übergehen – lingusitisch gesprochen: Es gibt Variation. Die Flut verschiedener Formen macht generelle Aussagen manchmal schwierig (er mo, mue, mu, muess sind nur schon in meinem Dialekt etwa gleichwertige Alternativen), führt aber die Herausbildung von Systemen in ihrer ganzen Pracht vor: Plurale werden im Osten wie in Tabelle 1 gebildet (mir gönd), im Westen ohne Endung (mir göö), in einem Übergangsgebiet gibt es aber noch andere Systeme (mir göi, gönge).

Pluralbildung der Kurzverben

Grafik 2: Pluralbildung der Kurzverben

Merkmal 3: Konjunktivbildung. Der Konjunktiv I und der Konjunktiv II ist bei den Kurzverben oft kurz und unregelmässig, wobei die Formenvielfalt riesig ist. Ein paar Beispiele:

  • er hät gseit, er chem/chöm/chömi/chemi ‚er hat gesagt, er komme‘
  • sie hät gseit, sie gös/göng/geng/göch/gengi/gösi/… ’sie hat gesagt, sie gehe‘
  • es gäb/gäbt/gäbti/gub/gieb/… ‚es gäbe‘

Fazit: Die drei Merkmale Kürze, Pluralbildung und Konjunktivbildung zeichnen neben anderen (hohe Frequenz (vgl. Teil 3), Grammatikalisierungen (vgl. Teil 9), verbreitete Suppletion im Singular, -n(ə) in der 1. Sg.) die Kurzverben aus und machen sie zu einer eigenen Verbgruppe. Diese weist viele Überschneidungen auf, aber auch Abweichungen: Alle Verben scheiden zumindest in gewissen Dialekten bei einem der Merkmale aus.

Die Liste der verbindenden Merkmale wirkt als Klammer, welche die Gruppe zusammenhält und abgrenzt. Das führt einerseits zu internen Angleichungsprozessen, bei denen Kurzverben Merkmale nach dem Vorbild anderer Kurzverben ausbilden (er gös ‚er gehe‘ mit -s nach dem Vorbild von er lös ‚er lasse‘), andererseits bietet es eine Möglichkeit für „Möchtegern-Kurzverben“, sich anzunähern: er chös ‚er könne‘ mit -s oder luzernisches mir möchid ‚wir machen‘ mit Umlaut -ö-.

Historische Entwicklung

Die Kurzverben des Schweizerdeutschen gehen auf Formen zurück, die sich vor ein paar Jahrhunderten im Mittelhochdeutschen (ca. 1050–1350) herausbildeten. Es handelt sich um Verben, die häufig waren (z.B. haben, geben), lautlich gute Voraussetzungen aufwiesen (oft -h-, das verglichen mit z.B. -t- „einfach zu beseitigen“ war) oder sich aufgrund ihrer Ähnlichkeit anderen Verben anschliessen konnten (geschehen analog zu sehen).

Im Standarddeutschen wurden die Verben später zum grössten Teil regularisiert (haben, gehen und stehen nur im Schriftbild). Die Entwicklung ist in folgender Grafik dargestellt:

Entwicklungsbahnen der Kurzverben

Grafik 3: Entwicklungsbahnen der Kurzverben (Althochdeutsch → Mittelhochdeutsch → Frühneuhochdeutsch → Neuhochdeutsch)

Der Höhepunkt der Kurzverbgruppe war im Mittelhochdeutschen. Zu dieser Zeit gab es einen relativ starken Gruppenzusammenhalt, die Verben der Kurzverbgruppe „stützten“ sich gegenseitig – je mehr Mitglieder eine Gruppe hat, desto stärker wird sie als Gruppe wahrgenommen.

Allerdings scheint die Gruppe nicht stabil gewesen zu sein; sie löste sich im Frühneuhochdeutschen wieder auf, diente allerdings u.a. dem Verb haben als „Scharnier“, sich zum Kurzverb aufzuschwingen (Frequenz spielte dabei sicher eine Rolle). Die Verben sein und tun blieben Kurzverben, die „Ur-Kurzverben“ gehen und stehen wurden schriftlich regularisiert (gesprochen aber weiterhin gehn und stehn).

Die Kurzverben etablierten sich also durch mehrere Prozesse, die Hand in Hand gingen:

  • Kern: Am Anfang standen eine Handvoll Kurzverben. Ihr Infinitiv und Präsens waren einsilbig und lauteten auf langen Vokal aus.
  • Kürzung durch „Abnutzung“: Durch lautliche Prädisposition oder hohe Frequenz wurden weitere Verben gekürzt und schlossen sich der Gruppe an.
  • Kürzung durch Angleichung („gewollte“ Irregularisierung, vgl. Teil 2): Verben, die durch ihre Kürze in die Kurzverbgruppe „aufgenommen“ worden waren, übernahmen weitere Merkmale und gleichten sich dadurch an.

Schweizerdeutsch

Eine andere „Strategie“ als das Standarddeutsche, wo die meisten Kurzverben nicht mehr da sind, verfolgte das Schweizerdeutsche: Die Kurzverbgruppe ist heute noch vorhanden und es konnten sogar noch geben, nehmen und kommen sowie einige Modalverben (mehr dazu in Teil 5) andocken.

Aber auch die schweizerdeutschen Kurzverben haben Formen, die nicht gekürzt wurden. Deren Ausbreitung unterscheidet sich von Verb zu Verb. Die folgenden Karten zeigen, wie konsequent die Kürzungen durchgeführt wurden.

Die Karten habe ich aufgrund des SDS (Sprachatlas der Deutschen Schweiz) fabriziert, dessen Daten in den 1940er- und 50er-Jahren erfasst wurden. Es handelt sich also um eine Momentaufnahme von vor zwei Generationen (oder noch mehr, da v.a. ältere Gewährspersonen befragt wurden). Weitere Informationen zum SDS gibt es auf sprachatlas.ch.

Haben ist überall kurz:

Karte zum Verb haben

(An)fangen ist v.a. im Nordosten lang (man sagt mir fanged, nicht mir fönd):

Karte zum Verb (an)fangen

Im Plural zeigt sich, was ein echtes Kurzverb ist – und hier scheren einige Verben aus. Karte 3 kombiniert den Plural der Verben gehen, stehen, lassen, schlagen, sehen und geben.

Karte zu den Verben gehen, stehen, lassen, schlagen, sehen, geben

Die Verben in Karte 3 sind fast überall gekürzt. Ausnahmen stellen vor allem periphere Gebiete dar (mehr zu Ausbreitungsmustern in Teil 6, der sich tiefer mit Dialektologie beschäftigt). Baselland ist Übergangsgebiet zwischen den Systemen mir gönd (im Osten) und mir göö (im Westen) und hat ein eigenes System entwickelt (mir gönge), das bei den Kurzverben konsequent angewendet wird, weshalb das Gebiet sehr dunkel erscheint.

Auch geben, das sich spät angeschlossen hat, ist in den meisten Dialekten kurz. Der Plural (mir gänd) wird allerdings auch im Mittelland von manchen SprecherInnen zu mir gäbed „normalisiert“. Diese Form ist für mich, obwohl ich mir gänd sagen würde, eher „normal“ als mir schlaged oder mir lassed.

Kommen und nehmen: Neben geben sind dies die anderen zwei Verben, die sich spät den Kurzverben angeschlossen haben. In den meisten Dialekten ist der Plural nicht gekürzt. Mir chönd ‚wir kommen‘ und ähnliche Formen sind nur in einem kleinen Gebiet im Osten bekannt. Erschwerend für die Entwicklung von Kurzformen ist bei kommen die mögliche Kollision mit dem Plural von können, der auch mir chönd lautet. Auch der gekürzte Plural mir nää bzw. mir nänd hat sich nicht allgemein durchgesetzt.

Bonus: Schwedisch

Das Schwedische kennt auch Kurzverben, die sogar formell den Schweizerdeutschen in manchen Fällen sehr nahe kommen. Die Parallelen werden sichtbar, wenn wir die schwedischen Formen direkt gegenüberstellen:

Inf. Schwed. Präs. Schwed. Schweizerdt. Standarddeutsch
vara (va) är sii sein
göra () gör tue tun
ha har haa haben (ham)
stå står stoo stehen (stehn)
går goo gehen (gehn)
låta låter loo lassen
slå slår schloo schlagen
‚bekommen‘ får fange (faa) fangen
se ser gsee sehen
dra drar zie (züche) ziehen
fly flyr flieh (fliehe) fliehen
ske sker gschee geschehen
komma kommer choo kommen
ge ger gää geben
ta tar nää nehmen
Tabelle 2: Schwedische Kurzverben

Die Gemeinsamkeiten sind frappant (ähnlich übrigens auch im Norwegischen; das Dänische und Isländische gingen andere Wege). Unterschiede betreffen Verben, die in schweizerdeutschen Dialekten gekürzt wurden, im Schwedischen aber nicht (loo/låta, cho/komma), Bedeutungsverschiebungen ( ‚bekommen‘, verwandt mit faa ‚fangen‘) sowie die Verwendung anderer Wurzeln für dieselbe Bedeutung: ta ’nehmen‘ (vgl. engl. take), dra ‚ziehen‘ (vgl. engl. drag), göra ‚tun, machen‘ (vgl. dt. gerben) – interessanterweise erscheinen auch einige dieser Wurzeln gekürzt (wieder ein Punkt für Erklärungen über Frequenz, vgl. Teil 3).

Im Schweizerdeutschen nicht gekürzt sind be ‚bitten, beten‘ (< bedja), bli ‚werden‘ (< bliva, vgl. dt. bleiben), ’sterben‘ (< altnord. deyja), le ‚lächeln‘ (< altnord. hlæja) und eine Menge sogenannt schwacher Kurzverben, die eine eigene Klasse bilden – dabei handelt es sich meist nicht um häufige Verben, z.B. ro ‚rudern‘, spå ‚vorhersagen‘, ty ’sich halten an, sich anschliessen‘. Bei diesen Verben zeigt sich das andere „Einfallstor“ für Kürze: lautlich stand wenig im Wege. Der Konsonant -d- fällt z.B. im Schwedischen auch andernorts aus: Statt sedan ’seither‘ sagt man sen, statt staden ‚die Stadt‘ nur stan.

Die Parallelen sind also kaum zufällig – Kürze scheint sich bei gewissen Verben gern zu entwickeln bzw. gern zu halten. Dies sind häufige Verben sowie lautlich dafür prädestinierte.

tl;dr

Kurzverben haben einen einsilbigen Infintiv auf langen Vokal (z.B. haa ‚haben‘, goo ‚gehen‘, nää ’nehmen‘). Weitere Merkmale:

  • Präsensstamm einsilbig und auf Vokal auslautend
  • Pluralbildung mit Umlaut und Spezialendung
  • spezielle Bildung des Konjunktiv I und II (vgl. Teil 7 und Teil 8)
  • hohe Frequenz (vgl. Teil 3)
  • Grammatikalisierungen (vgl. Teil 9 zur „Verbverdopplung“)

Drei zentrale Kriterien für Kurzverben im Schweizerdeutschen

Grafik 4: Drei zentrale Kriterien für Kurzverben im Schweizerdeutschen

Die Kurzverben bilden im Schweizerdeutschen eine Verbgruppe, wobei nicht bei jedem Verb alle Merkmale erfüllt sein müssen. Es handelt sich um die Verben sein, tun, gehen, stehen, haben, lassen, schlagen, (an)fangen, sehen, ziehen, (fliehen, geschehen), geben, nehmen, kommen; Modalverben können, müssen, wollen eingeschränkt (vgl. Teil 5). Zwischen den Dialekten gibt es Unterschiede (Variation).

Die Verbgruppe formierte sich im Mittelhochdeutschen, worauf sie im Standarddeutschen wieder abgebaut, im Schweizerdeutschen jedoch beibehalten bzw. leicht ausgebaut wurde. Schwedisch und Norwegisch haben eine starke Kurzverbgruppe mit frappanten Ähnlichkeiten herausgebildet. Grob gesagt handelt es sich um häufige Verben sowie lautlich für Kürzung prädestinierte.

auf den Mund und über den Tellerrand schauen

Gekürzte Verben gibt es in vielen Dialekten und Sprachen. Wer einen schweizerdeutschen Dialekt spricht, kann sich einmal achten, wie die Kurzverb-Pluralendung im eigenen Dialekt ist: mir gönd, mir göö oder nochmals anders? Und würde ich ‚wir fliehen‘ mit derselben Endung wie ‚wir ziehen‘ sagen – sie flied (Normalverb-Schema) oder sie fliend (Kurzverb-Schema)? Und wie verhält es sich mit Dinge, die geschehen: Sache gschiend? Sache gschehed? Aber auch andere deutsche Dialekte haben Kurzverben: Im Schwäbischen beispielsweise wurde tragen z.T. zu dra.

Sprachwandel, der noch im Gange ist, lässt sich bei geben und nehmen beobachten: Sage ich mir gäbed oder mir gänd? Oder geht beides? Welche Form benutzen andere Leute? Und wie steht es mit mir nänd ‚wir nehmen‘: Komisch? Normal?

Wer andere Sprachen kennt, kann sich einmal überlegen, was dort mit häufigen Verben passiert. Englisch apostrophiert z.B. gern (wobei ain’t aber verpönt ist) und in den romanischen Sprachen sind Kürzungen bei ähnlichen Verben festzustellen: Man denke an sein (ital. è ‚ist‘ < lat. est) und haben (frz. Sg. ai, as, a < lat. habeō, habes, habet), aber auch ital. fa ‚tut, macht‘ (von lat. facit) oder span. ir ‚gehen‘ (Sg. voy, vas, va < lat. vadō, vadis, vadit).

4 Comments

  1. Christoph

    – Was hat «miech» mit den Kurzverben zu tun? Die «unetymologischen» Ablaute im Konjunktiv II unterstehen doch anderen Regeln: Verallgemeinerung von -u(u)- (ursprünglich stV. II & III), -ie- (urspr. stV. VII), -èè- (urspr. stV. IV & V).

    – Wie erklärst Du Dir überhaupt die Umlaute im Ind. Präsens Plural der Kurzverben? Übrigens: Einen ähnlichen Vorgang kennen die niederdeutschen Dialekte im Ind. Prät., wo erst Umlaut im Pl. auftaucht, der dann auch auf den Sg. übergreift. Merkwürdig…

    – Ein Kurzverb fehlt: verzie (ist lautgesetzlich aus verzîhen entstanden, also nicht einfach eine Kontamination mit ziehen. Die findet dann allerdings im Ptz. Perf. statt: verzogen).

    • Kim

      Du hast natürlich recht, der unetymologische Konjunktiv II miech ist fehl am Platz. Verzie habe ich hier unter den Tisch fallen lassen, da es dazu wenig Anhaltspunkte gibt (in meinem Idiolekt ist es übrigens normalisiert: verzeije, ich verzei, mir verzeijed).

      Für einen verallgemeinerten Umlaut im Plural braucht es ja eigentlich zwei Dinge: einen „initialen Angelpunkt“, wo der Umlaut eindringt, und eine Motivation, den Umlaut als Plural-Marker zu reanalysieren. Als Angelpunkt drängen sich die Modalverben auf. Als Motivation sehe ich, dass es gerade bei kurzen Formen praktisch ist, zusätzliche Marker einzuführen.

      • Christoph

        Danke, lieber Kim, für Deine Antwort!

        Wenn ich noch etwas nachhaken darf: Wenn es gerade die kurzen Formen sind, für die es praktisch ist, Umlaut als zusätzliche Marker einzuführen (ähm – warum ist das praktisch? Reicht «mir gond» denn nicht?), dann bedeutet das, dass die umgelauteten Plurale in der Standardsprache («wir können, müssen, dürfen», in der älteren Sprache überdies «wir süllen») auch zuerst in sprechsprachlichen Kurzformen fassbar waren? Scheint mir eine etwas gewagte These zu sein, aber dem nachzugehen, wäre interessant… (Leider sind die historischen Dialekte schlecht erforscht, dabei wäre das mega spannend.)

        Im niederdeutschen Präteritum ist das jedenfalls nicht so: Dort wurde etwa «ik sang – wi sungen» zuerst zu «ik sung – wi sungen», dieses dann zu «ik sung – wie süngen» und dieses wiederum (teilweise erst im 20. Jahrhundert) zu «ik süng – wi süngen». Natürlich ist Hochdeutsch nicht Niederdeutsch, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass vieles eben über allgemeinere Sprachgesetzlichkeiten läuft.

        Zu «verzie»: Diese Lautung ist überaus frequent und kann vom Idiotikon (noch ungedruckt) querbeetein durch fast die ganze Deutschschweiz belegt werden. Dein (und mein) «verzeie» ist hingegen Re-Import aus der Schriftsprache.

        En liebe Gruez
        vom Christoph.

        • Kim

          Hoi Christoph

          Wir sprechen ja von der Entwicklung der Umlaute im Ind. Präs. Pl. der Kurzverben. Mir scheint naheliegend, dass sie den Pluralumlaut von den Modalverben abgeschaut haben – es gibt ja schon zu mhd. Zeit im Alemannischen gekürzte Formen wie „mün“ ‚wir müssen‘, an die über Kürze angeknüpft werden konnte.

          Woher die Umlaute im Plural der Modalverben/Präteritopräsentia kommen, ist damit nicht gesagt. Sie hatten ausserdem schon eine Stammalternation im Ind. Präs. zwischen Sg. und Pl., der Umlaut ist also weniger folgenschwer. Die Kurzverben führen durch den Pluralumlaut die Stammalternation erst ein. Ich würde deshalb eher für jeden Fall (Modalverben, Kurzverben, Niederdt.), evtl. sogar für einzelne Verben, verschiedene Motivationen unterstellen.

          Eine wichtige Motivation, den Pluralumlaut auf die Kurzverben zu übertragen, könnte zusätzliche Deutlichkeit sein, was bei kurzen Formen mehr ins Gewicht fällt (das meinte ich mit „gerade bei kurzen Formen praktisch“) – aber nicht auf kurze Formen beschränkt ist. Es handelt sich um den Versuch, nachzuvollziehen, welche Vorteile ein Pluralumlaut (und Stammalternation) hier bringt; was nicht heisst, dass das passieren muss.

          Danke dir für den anregenden Kommentar!
          lg Kim

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