Kurzverben (6): Umlaut und Nichtumlaut im Plural

Eine Reise durch die Schweiz offenbart: Es gibt nicht DAS Schweizerdeutsch. Die Linguisten nennen das Variation. Aber wie sieht diese Variation aus und was sagt sie uns? Diesen Fragen widmet sich die Dialektologie. Ein Blick auf Dialektlandschaften anhand des Pluralumlauts der Kurzverben.

Ein Beispiel für Variation ist der Plural der Kurzveben:

D Zürcher gönd – d Ostschwiizer gond,
d Baselbieter gönge – d Seeländer gange,
die dezwüsche göö – und die im Berner Oberland gaa.

In den zwei vorhergehenden Teilen (Teil 4, Teil 5) wurde der Pluralumlaut als zentrales Kennzeichen der Kurzverben angeführt. Es ist aber ein bisschen komplizierter: Nicht überall hat sich der Pluralumlaut durchgesetzt, z.B. in der Ostschweiz hört man noch die Formen mir gond ‚wir gehen‘ (nicht mir gönd), ihr tond ‚ihr tut‘ (nicht ihr tönd/tüend) oder sie hand/hond ’sie haben‘ (nicht sie händ).

Der Pluralumlaut bei Kurzverben ist sprachgeschichtlich gesehen die neuere Form. Sie hat sich im Schweizerdeutschen mehrheitlich etabliert, ist also übers ganze Gebiet gesehen die (neue) Norm. In diesem Kontext wird das, was vorher normal war, zur Abweichung: Die alte Norm ist nun ein Konservativismus oder Archaismus. Die Dialekte, welche sich der grossflächig durchgeführten Veränderung nicht angeschlossen haben, sind dadurch in eine Minderheitsposition geraten.

Grafik 1: Die neue Form (mir) lönd ‚wir lassen‘ überflügelt die alte Norm lond und wird gesamtschweizerisch gesehen zur neuen Norm

Umgelautet werden können die hinteren Vokale a, o und u (vgl. Exkurs in Teil 5). Die Vokale e und i können nicht umgelautet werden. Deshalb sind sein, sehen, geschehen, ziehen, fliehen, geben und nehmen ausgenommen. Es bleiben acht Verben, die umgelautet werden (oder eben nicht): gehen, stehen, lassen, schlagen, (an)fangen, tun, haben und kommen.

Bern und Innerschweiz

Im Westen der Deutschschweiz haben sich in einem Gebiet in den Kantonen Bern (südlich der Stadt Bern), teilweise Fribourg, anschliessend daran eine Zunge in die Innerschweiz, Formen ohne Umlaut im Plural gehalten:

  • mir gaa/gand ‚wir gehen‘ (nicht mir gää/gänd – bzw. göö/gönd mit Verdumpfung, vgl. Anmerkung beim Umlaut-Exkurs in Teil 5)
  • dir staat/stand ‚ihr steht‘
  • si laa/land ’sie lassen‘
  • mir faa/fand ‚wir fangen‘
  • dir schlaat/schland ‚ihr schlagt‘

Bei tun und kommen ist der Pluralumlaut hingegen durchgeführt; bei haben auch, allerdings mit -i erweitert: mir hei ‚wir haben‘. Fribourg hat an nicht umgelauteten Formen gange, stane und laa, das Berner Seeland gange und stange (vgl. Karte 3 in Teil 4).

Karte 1: Gebiete im Westen/Innerschweiz ohne Pluralumlaut bei den Verben gehen, stehen, lassen, (an)fangen und schlagen
Die Karten habe ich wiederum aufgrund des SDS erstellt, der die Sprache der älteren Generation in den 1940er- bis 50er-Jahren abbildet (vgl. Teil 4 für weitere Angaben). Die Karten sind schematisierend, einige regionale Besonderheiten sind zugunsten der Übersichtlichkeit nicht verzeichnet.

Wallis und bündner Walserorte

Das Oberwallis ist für seinen Dialekt bekannt, dessen Lautungen und Formen teilweise auffällig vom „Mittelland-Schweizerdeutsch“ abweichen. Dabei kann es sich sowohl um Archaismen (Unverändertes, das in eine Minderheitsposition geraten ist) als auch um Neuerungen handeln (im Gegensatz zu anderen Dialekten Verändertes).

Bei den Kurzverben ist das Oberwallis eher neuerungsfreundlich: wier gää/gee ‚wir gehen‘ ist z.B. gerundet (a > ä). Nur kommen hat Nichtumlaut bewahrt.

Die Walser wanderten im 13. und 14. Jahrhundert in Richtung Süden und Osten. Zeuge davon sind die Walserdörfer u.a. in Italien, im Tessin und in Graubünden (genauer nachzulesen in der Wikipedia). In Graubünden trafen sich Walser- und Ostschweizer Dialekte (und verdrängten mit der Zeit das Rätoromanische). Die Ostschweizer Dialekte kamen das Rheintal hinauf bis Thusis, während die typischen Merkmale der Walserdialekte in den Bergdörfern immer noch klar erkennbar sind. Bei den Kurzverben zeichnen sich die Walserformen u.a. durch mehrheitlich durchgeführten Pluralumlaut aus, der im Rheintal traditionell nicht durchgeführt wurde (vgl. nächsten Abschnitt zur Ostschweiz).

In den bündner Gebieten, deren erste germanische Siedler Walser waren, ist genau dasselbe Verb wie im Wallis, kommen, nicht umgelautet. Im „Nordostzipfel“ (Prättigau, Churwalden, Schanfigg, Davos) sind auch gehen und stehen nicht umgelautet.

Karte 2: Gebiete im Süden (Wallis, Walser in Graubünden) ohne Pluralumlaut beim Verb kommen (und gehen, stehen)

Daraus, dass das Wallis bei gehen und stehen die neueren Formen mit Umlaut hat, aber die Walserorte ganz im Nordostzipfel noch umlautloses mir gaand und mir staand, lässt sich eine Chronologie konsturieren: Zur Zeit der Auswanderung war der Umlaut noch nicht (vollständig) durchgeführt. Im Nordostzipfel sind die alten Walserformen bewahrt, die sich auch von den Ostschweizer Formen ohne Umlaut unterscheiden (langes ā statt verdumpftes, kurzes ŏ). Im Wallis hat aber unterdessen die Neuerung (der Pluralumlaut) Einzug gehalten, die sich dann bis ins südliche Graubünden ausbreitete.

Ostschweiz

Ein schmaler Streifen in der Ostschweiz, der sich von den stadtfernen Gebieten im Kanton Schaffhausen dem Bodensee entlang und das Rheintal hinaufzieht, hat den Nichtumlaut bewahrt. Dieser Ostschweizer Konservatismus wird gestützt durch die Mundart auf der anderen Seite der Grenze.

Nach wie vor ist die Rede vom Stand 1950 – von Alfred Saxer wissen wir aber, dass bereits 1952 eine Dynamik zugunsten des Umlauts herrschte, der daran war, den Nichtumlaut zu verdrängen. Die Gebiete ohne Umlaut dürften heute also geschrumpft sein.

Die Karte zeigt Gebiete mit Nichtumlaut bei den Verben gehen, stehen, lassen, schlagen, tun, haben und kommen (nicht kartiert ist (an)fangen, da es in der Ostschweiz meist ungekürzt als fange erscheint). Je dunkler die Färbung, desto mehr Verben weisen Nichtumlaut auf.

Karte 3: Gebiete im Osten ohne Pluralumlaut bei den Verben gehen, stehen, lassen, schlagen, tun, haben und kommen

Nichtumlaut als Symbol

Am Anfang einer dialektologischen Untersuchung steht die systematische Erfassung der Dialekte, worauf die Verbreitung einzelner Kennzeichen meist mittels Karten dargestellt wird. Darauf basierend können die Strukturen herausgearbeitet und der Status quo erklärt werden.

Für die Erfassung habe ich mich auf den SDS verlassen. Aus den SDS-Angaben sind die obigen Karten entstanden, welche die Situation um 1950 darstellen. Nun fehlt noch eine Interpretation, die den Pluralumlaut in den Kontext der Dialektlandschaft stellt.

Gebiete, in denen sich ältere Formen halten, befinden sich typischerweise in peripheren, schlechter erreichbaren Gegenden. Die Gebiete, die „näher am Geschehen“ sind, und diejenigen, wo sich Neuerungen weniger schnell niederschlagen, finden also ihre Entsprechung in der Sprache: So wie Kleidermode zuerst in der Stadt ankommt und von da aufs Land getragen wird, fassen sprachliche Veränderungen bei der Ausbreitung zuerst in grösseren oder gut erreichbaren Orten Fuss und gelangen von da aufs Land oder in abgelegene Gegenden.

Zusätzlich kann sich eine Wertung hineinmischen: Die sprachliche Veränderung wird zu einem Symbol für das Spannungsverhältnis zwischen traditionsbewussteren und neuerungsfreundlicheren Gebieten (das lässt sich z.B. auch bei der Veränderung der Aussprache von r beobachten).

Auf den Pluralvokal bei Kurzverben übertragen: Umlaut = neu (und „hip“), Nichtumlaut = traditionell (und „hinterwäldlerisch“). Mit dieser Theorie im Hinterkopf schauen wir die oben kartierten Gebieten nochmals an:

  • Gesamtschweizerisch gesehen passen Karte und Theorie: Das flache Mittelland mit guten Verkehrsverbindungen hat den Umlaut grossflächig durchgeführt, Gebiete an den Rändern und in den (Vor-)Alpen nicht. Aber zoomen wir noch etwas näher heran.
  • Berner Oberland: Das eher abgelegene, traditionsbewusste Oberland ist ein guter Kandidat für Archaismen. Der östliche Teil (Haslital) weicht hingegen vom Nichtumlaut ab, zusammen mit dem südlichen Uri. Das Haslital ist über den Grimselpass mit dem Wallis verbunden und über den Sustenpass mit Uri, das Wallis seinerseits über den Furkapass mit Uri – daraus ergibt sich eine „zentralalpine Sprachlandschaft“ (Reihe Sprachlandschaft, Band 1: 223).
  • Berner Mittelland: Neben dem Oberland hat auch das Berner Mittelland, das gleich südlich der Stadt Bern beginnt (also relativ zentral liegt), Nichtumlaut bewahrt. Eine parallele Merkmalsgrenze ist die Verdumpfung (ā > ō), die ebenfalls das Mittelland vom nördlichen Bern abgrenzt. Dies stellt eine Art „Riegel“ dar, den auch der Pluralumlaut nicht überwindet.
  • Innerschweiz: Eher schwer erreichbar. Archaismen sind zu erwarten. Passt.
  • Fribourg (und das Berner Seeland) reiben sich an Bern: Der Einfluss ist da, aber es gibt den Willen, eigene Wege zu gehen – die unter Umständen, obwohl peripher eher mit archaisch zusammengeht, in neuerungsfreundlicherem Verhalten münden können.
  • Vom Oberwallis erwartet man eher traditionelle Formen – wird aber enttäuscht. Unabhängig vom Mittelland hat das Wallis die Neuerung „Pluralumlaut“ bei den meisten Verben durchgeführt.
  • Ebenso die bündner Walserorte, wobei im peripheren Nordosten gehen und stehen noch keinen Umlaut haben.
  • Die Ostschweiz zeigt ein Bild, das sehr schön zur Theorie passt: am Rand noch die alten Formen, die unter dem Druck vom Mittelland stehen.

Solche Verhältnisse (und zugrundeliegende Dynamiken) macht die Dialektologie sichtbar. Den „grossen Trends“ (Mittelland neuerungsfreundlich, Peripherie konservativ) stehen regional oft anders gelagerte Strömungen entgegen (man denke ans Wallis, Fribourg oder den Zipfel im Berner Oberland mit Umlaut). Diese Abweichungen verkomplizieren zwar das grosse Bild, geben aber wertvolle Hinweise auf kleinräumigere Dynamiken.

Variation führt vor Augen, was wir oft vergessen: Sprache ist nicht monolithisch, weder Deutsch, noch Schweizerdeutsch, noch Berndeutsch. Variation ist das Resultat von sich ständig vollziehendem Sprachwandel, der aber nicht im Gleichschritt vor sich geht. Je näher man hinschaut, desto mehr Unterschiede sieht man: alte Normen, sich herausbildende Neuerungen, verschüttete Entwicklungen. Diese Abweichungen können symbolisch sein für kulturelle Unterschiede, die sich auch in der Sprache niederschlagen.

Pluralumlaut: Funktion

Zusätzlich zu den speziellen Pluralendungen der Kurzverben wird der Plural mit dem Umlaut ein zweites Mal „markiert“, also besonders abgesetzt von den Formen des Singulars. Damaris Nübling (2000: 203) sieht darin eine Vorverlagerung der Information „Plural“. Sie nennt dies „Mehrfachmarkierung“ bzw. „Überdifferenzierung“ des Plurals – normalerweise zeigt nur die Endung den Plural an (mach-sch vs. mach-ed), in diesem Fall wird die Information „Plural“ aber schon im Stamm zum Ausdruck gebracht: lo-sch vs. -nd.

Der Effekt dieser Vorverlagerung und Doppelmarkierung ist eine klarere Abgrenzung der Singular- und Plural-Formen voneinander, was mit den in Teil 2 und Teil 3 besprochenen Mechanismen im Zusammenhang steht:

  • Kürzere Formen werden eher missverstanden; ein zweiter Anhaltspunkt wirkt dem entgegen.
  • Häufiger benutzte Formen „vertragen“ mehr Formen als seltene; dies fällt beim Lernen nicht so ins Gewicht – Stichwort „Balance“.
  • Dass mehrere häufige, kurze Verben sich desselben Mechanismus zur Absetzung Singular/Plural bedienen, ist ein Beispiel für eine „Regularität in der Irregularität“ – es liegt eine unregelmässige Gruppe vor, deren zugehörige Verben sich gegenseitig stützen und ihre Merkmale analog übernehmen.

tl;dr

Umlaut im Plural ist ein Kennzeichen schweizerdeutscher Kurzverben. Das war jedoch nicht immer so. In manchen Gegenden gibt es noch Pluralformen ohne Umlaut (auch bei Modalverben): sie stond ’sie stehen‘ (nicht stönd), dir gaat ‚ihr geht‘ (nicht gööt), mir chome ‚wir kommen‘ (nicht chöme). Die Grafik aus Teil 4 wäre also beim Pluralumlaut mit einem Sternchen zu ergänzen:

Grafik 2: Pluralumlaut als Kurzverb-Kennzeichen funktioniert nicht in allen Dialekten.

Sprachwandel erfasst nicht die ganze Sprachgemeinschaft gleichmässig. Das Resultat davon sind Variation und Dialekte. Mit der geografischen Ausbreitung sprachlicher Kennezichen und deren Veränderung beschäftigt sich die Dialektologie. Sie zeigt mittels Karten die Verbreitung von Merkmalen wie Wörtern, Formen etc. und stellt sie in einen Kontext.

Schliesslich kann der Plural(nicht)umlaut auch aus der morphologischen Warte betrachtet werden: Er bewirkt eine prominentere Kodierung der Information „Plural“, die doppelt und weiter vorn im Wort (im Stamm) zum Ausdruck gebracht wird. Dies kann gerade bei kurzen Formen dem Verständnis zuträglich sein.

sich auf den Mund schauen

Die Daten, mit denen die schweizerdeutsche Dialektologie meist arbeitet, sind von Mitte des letzten Jahrhunders. Die naheliegende Anschlussfrage ist nun: Hat sich der Pluralumlaut unterdessen weiter vorgearbeitet?

Falls jemand in einem Gebiet wohnt, wo die Karten Nichtumlaut verzeichnen: Ist dies noch der Fall? Gibt es einen Unterschied zwischen der Spach der älteren und den jüngeren Generationen? Und für Bernerinnen oder Ostschweizer in der Nähe der Nichtumlautgebiete: Kriegt man die nicht umgelauteten Formen noch zu hören? Oder klingen sie sehr altbacken?

Zur Selbstbefragung und Diskussion in heiteren Dialektrunden (seid lieb miteinander, alle Dialekte sind schön!) hier nochmals die Liste der Verben mit potenziellem Nichtumlaut: gehen, stehen, lassen, schlagen, (an)fangen, tun, haben, kommen.

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