Lasset uns betrachten, was mit der Kirche in verschiedenen germanischen Sprachen lautlich passiert ist: kyrka auf Schwedisch, church auf englisch, kerk auf Niederländisch, Kirche auf Standarddeutsch, Chil(ch)e auf Schweizerdeutsch.
Die Urform: kirk-
Am Anfang stand das Griechische κυρικόν (kȳrikón) ‚Gotteshaus‘, ursprünglich ein Adjektiv zu κύριος (kȳ́rios) ‚Herr, Herrscher‘, also ‚das zum Herrn Gehörige‘. (vgl. DWDS)
Wie es sich fürs Germanische gehört, wurde die Endung alsbald zerkaut, wir haben also noch so etwas wie *kirk-. Und siehe da: mehr oder weniger so tritt uns die Kirche heute noch im Niederländischen (kerk) und Niederdeutschen (kark u.ä.) entgegen.
Spirantisierung: Es werde Rauschen
Das Hochdeutsche setzt sich bekanntlich durch die Zweite Lautverschiebung vom restlichen Germanischen ab. Diese produziert Frikative (Reibelaute), wo vorher Plosive (Verschlusslaute) wie eben k waren: Aus kirk- wird ahd. kirihha.
Ganz konsequent betrieben die Zerreibung des k (Spirantisierung) nur die südlichsten deutschen Dialekte, daher schweizerdeutsch Chirche mit initialem ch- neben standarddeutsch Kirche.
Die Erste Lautverschiebung griff übrigens nicht, da sie bereits abgeschlossen war, als griech. kȳrikón importiert wurde.
Palatalisierung
Im Gegensatz zum Deutschen, wo es nun rauscht statt ploppt, haben das Englische und das Schwedische die Aussprache hinterer Plosive wie k beibehalten, ausser es stand danach ein vorderer Vokal wie i, e oder y. In diesem Fall rutschte die Aussprache im Mundraum etwas nach vorne – in der Linguistik heisst das Palatalisierung:
- Englisch: Das altengl. kirke (unhistorisch Schreibung zur Verdeutlichung der Aussprache) wurde zu church, wobei ch im modernen Englisch eine Affrikate /tʃ/ "tsch" bezeichnet (also auch noch etwas Rauschen zum Ploppen hinzukam).
- Im Schwedischen wurde nur das k- im Anlaut palatalisiert: kyrka wird /’ɕyːrka/ ausgesprochen, wobei /ɕ-/ einen Laut ähnlich dem deutschen "sch" bezeichnet (genau, zur Palatalisierung kam noch eine Spirantisierung hinzu). Der hintere Vokal -a am Wortende gab indes keinen Anlass zur Palatalisierung.
Weg mit!
In meinem schweizerdeutschen Dialekt heisst die Kirche Chile, womit sich zwei weitere Fragen stellen:
- Wohin ist das zweite ch entschwunden?
- Woher ist uns ein l erschienen?
Nun, ein bisschen abkürzen kann praktisch sein, gerade bei oft gebrauchten Wörtern wie der Chile oder dem Märt ‚Markt‘ (oder auch Kurzverben).
Dass r manchmal zu l wird, ist nicht ohne Parallele, z.B. albero und arbol aus lat. arbor. Die Kirche hatte nicht nur in der Schweiz eine Nebenform Kilche, die im Standarddeutschen durch die Verschriftlichung jedoch "ausgerottet" wurde – es handelt sich also nicht um eine neue Entwicklung, sondern eine bewahrte Form (vgl. Idiotikon).
In einigen Deutschen Dialekten sagen sie übrigens Kürche. (Stuttgart) wieder näher am Englischen.