Namensreise (2): Hans ist John ist Evan

Dass so verschieden klingende Namen wie Hanna, Ivan und Jens alle auf Johannes zurückgehen, ist erst einmal überraschend. Umso mehr Aha-Momente verspricht das Freilegen der Zusammenhänge.

Am Anfang war das Wort, nämlich Jehochanan, gekürzt Jochanan. Darin steckt ‚Gott‘ und ’sich erbarmen‘ (sagt die Wikipedia, die besser Hebräisch kann als ich).

Auf los geht’s los! Es folgt ein Ritt durchs Griechische, Latein und sich daraus bedienende europäische Sprachen (die Auswahl ist subjektiv und verkürzt – ein ausführlicher Abstammungsbaum findet sich bei Behind the Name).

Johannes: Stammbaum

Johannes? Das geht auch kürzer!

Übers griechische Ioannes kommen wir zum lateinischen Johannes bzw. zur lat. Johanna, Ausgangspunkt für diverse Bildungen. Zuerst zu den germanischen Sprachen: Im Deutschen entwickelten sich Hans, Hanna und Jan. Letzter ist vielsprachig: Neben dem Deutschen ist er im im Niederländischen und in skandinavischen Sprachen heimisch (ursprünglich soll er aus dem Niederdeutschen kommen), aber auch mehrere slawische Sprachen kennen ihn. Jens schliesslich ist der „Hans vom Meer“ (dänisch und friesisch).

Im Englischen ist – neben John, dem wir uns gleich widmen – die Form Hank entstanden. Dies über Hankin, eine Koseform von Hann, also „Hänschen“. Wohl erst später wurde es als Kurzform für Hendrick bzw. Harry verwendet. Aus Johanna entstanden Joan, Jo und Jody.

Die keltischen Sprachen bildeten Ian (schottisch-gälisch) sowie Evan und Ianto (walisisch). Von Evan ist Bevan abgeleitet, das von ‌ab Ifan stammt, ‚Sohn des Evan‘ (die Schreibweisen – Evan, Ieuan, Ifan – unterschieden sich bei den keltischen Sprachen übrigens stärker als die Aussprache). Der walisische Ianto ist eine Koseform („Hansi“), ebenso der bretonische Yannik (von Yann). Der slavische Diminutiv klingt ganz ähnlich, wird aber Janik geschrieben – unterdessen haben sich die zwei abseits der Herkunftsländer wohl vermischt.

In den romanischen Sprachen fällt vor allem der Anlaut auf: j wurde zu dsch oder ähnlich (it. Giovanni, sp. Juan, frz. Jean). Das italienische bildete die Kurzform Nino aus der Koseform Giannino, die jedoch auch von Antonino oder weiteren Namen gebildet werden kann. Analog die Frauennamen Giovanna, Gianna und Nina.

Französisch, Englisch und Irisch

Vom Französischen Jean schliesslich ist Jeanne abgeleitet, das für mehrere englische Namen Pate stand: Jane sowie Janet (via frz. Jeannette). Interessanterweise gibt es parallel entlehnte keltische (irische) Namen: Siobhán (gesprochen „Sche-waan“) sowie Sinéad (gesprochen „Schineed“), die dann auch wieder ins Englische Einzug hielten.
Diese gehen genau genommen auf eine ältere Form von frz. Jeanne zurück, die noch ein h besass und ergo zwei Silben.

Der englische John kommt ebenfalls von einer älteren Form des frz. Jean. Davon wiederum ist irisch Sean abgeleitet, das als Shane, Shaun, Shawn(e) bzw. Shawna, Seana oder Shana wieder zurück ins Englische gelangte.

John und Jack: Haben die was zusammen oder nicht?

Bleibt noch ein kleiner Exkurs, der uns zur ersten Namensreise zurückführt: Jakob, frz. Jacques, ist ein möglicher Vorfahre von Jack – der andere ist Jankin „kleiner Jan“, abgeleitet von einer Vorform von John (vgl. Hankin oben). Als Koseform von Jack kann wiederum Jake benutzt werden, eigentlich Kurzform von Jacob, die aber so gesehen auch etwas John in sich trägt.

Schall und Rauch

Wem nun das Hirn raucht vor so viel Schall, also scheinbar wahllos umhertanzenden Lauten, seien noch ein paar strukturelle Beobachtungen mit auf den Weg gegeben. So unterschiedlich die Resultate lautlich auch sind, die Mechanismen sind immer die gleichen.

Kürzen: Namen werden gern „handlicher“ gemacht, indem Teile weggelassen werden, hier oft die erste Silbe Jo- (Hans, Hank, Hanna, Nina), oder aber die Vokale verschmolzen werden (auch übers trennende h hinweg), so dass eine Silbe wegfällt: Gianni statt Giovanni, Jens, Jean, John, Yann.

Denn in der Kürze liegt nicht nur die Würze (wie in den Würzwurzeln, shameless selfplug), sondern gleichsam eine familiäre Vertrautheit. Diese kann auch mit ‌Diminutiven (Verkleinerungsformen) erreicht werden: frz. -ine/-ette (Jeanine, Jeanette), bret. -ig (Yannick, eigentlich Yannig) oder walisisch -to (Ianto).

Hank und Jack sind eine Kombination davon: Diminutiv mit Suffix -kin (Hankin, Jankin), die dann gekürzt wurden. Auch Nina entstand durch Suffixe und Kürzung: Giovanna > gekürzt Gianna > Diminutiv Giannina > gekürzt Nina.

Aus derart gebildeten Kosenamen können in der Folge regulären Namen werden.

Eine weitere „Erneuerungsstrategie“ ist Entlehnung: Ivan oder Juan klingen nicht nach Hans, sind aber dessen Entsprechungen in anderen Sprachen. Wer seinem Kind einen Hauch Weltläufigkeit verleihen oder auf die Weite des eigenen Horizonts verweisen will, greift also zum Hans aus bevorzugter Himmelsrichtung. Im Englischen sind es oft keltische Namen, die „(re-)importiert“ werden: Evan, Sean und Ian sind verbreitet, Sinéad, Siobhán und Bevin immerhin bekannt. Auch die französischsprachige Welt hat sich bei „ihren“ Kelten bedient und das bretonische Yannick adaptiert.

Und so sind wir von Gott auf die Welt gekommen: Was als Lobpreisung begann, wurde durch das Ineinandergreifen vieler Sprachen zu einem Ableitungsbüffet. «Gibst du mir mal das Diminutivsuffix rüber, Sinéad?» – «Mit Freude, Yannis! Aber nur, wenn ich dir das Jo- abhacken darf.» – «Willst du mich etwa zu einem Hannes machen, du irische Jeannette!?»

Schreibe einen Kommentar