tüppig und taub (und dumm)

Am Anfang stand tüppig (Schweizerdeutsch für ’schwül‘) und der übliche Gedankengang des historischen Linguisten: Woher denn dieses schöne Wörtchen?

Also flugs das Idiotikon „aufgeschlagen“, dem dortigen Verweis in die Bibliothek gefolgt, beim Lesen dann blinkende Querverbindungen und Fragezeichen im Hirn – tupp im Alemannischen, dub im Keltischen, tupp im Romanischen, dub im Germanischen, die Bedeutungen – ’schwül‘, ‚verwirrt‘ und ‚dunkel‘ – berühren sich, fügen sich aber nicht recht zusammen.

Ich bin verwirrt, tappe im Dunkeln. Also ein Stift und Papier und alles einmal aufzeichnen, dazu noch die einschlägigen Nachschlagewerke – Das Resultat:

Skizze etymologischer Verbindungen

Die erhoffte Erleuchtung bleibt aus. Wieder einmal stehen wir vor einem Puzzle, bei dem die Teilchen zusammenpassen und doch nicht passen, so verblüffend ähnlich sie sich auch sehen – dub hat wohl doch nichts mit dub zu tun. Wäre auch zu schön gewesen.

Licht ins Dunkel

Also nächste Stufe. Das Sezierbesteck alias systematisches Vorgehen steht bereit. Die Herausforderung ist folgende: Die lautlichen Entwicklungen und die Bedeutungsentwicklungen sortieren und abgleichen – Passt tüpp zu taub? Lässt sich ’schwarz‘ mit ‚wirr‘ zusammenbringen?

Was sicher ist: Es gab eine idg. Wurzel *dʰeu̯bʰ, die eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung bezeichnete – sei dies beim Sehen (‚blind‘), beim Hören (‚taub‘) oder im Kopf (‚verwirrt, verrückt‘). Davon kommen griech. τυφλός typhlós ‚blind‘ und germ. *dauba-, von welchem taub (engl. deaf) sowie toben abstammen – wer tobt, ist nicht ganz bei Sinnen. Passt soweit.

Im Schweizerdeutschen kennen wir täubele ‚wüten, trotzig sein‘, oft auf Kinder gemünzt. Auch dies gehört zur Sippe von germ. *dauba-, wie auch der Tubel, ein beschränkter oder sturer Zeitgenosse. Letzteres eignet sich natürlich vorzüglich als Beschimpfung.

Hierhin geführt hat mich aber tüppig. Auch dieses wird zu *dauba- gestellt, wobei auffallen dürfte, dass hier zusätzlich zum Sezierbesteck der Systematik eine bescheidene Zurückhaltung keine schlechte Idee ist – weder setzt die Lautung eindeutig *dauba- fort, noch ist die Bedeutungsentwicklung offensichtlich. Es gibt allerdings weitere Etyma wie Tüppel oder tüpplech, deren Bedeutung sich gut mit *dauba- verbinden lassen, des weiteren parallele Oppositionen wie Rabe ~ Rappe oder Knabe ~ Knappe. Den Bedeutungswandel könnte man z.B. als ‚auf die Sinne drückend‘ erklären.

Den Horizont erweitern

Aber vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten des Anschlusses. Wir schauen uns also um und finden tupp (bzw. topp). Dieses Adjektiv kommt v.a. im Bern- sowie im Walliserdeutschen (bzw. Walserdeutschen) vor. Neben ’schwül‘ und ‚feucht‘ meint es regional auch ‚dunkel‘. Letztere Bedeutung wiederum findet sich ebenfalls in den angrenzenden französischen und italienischen Mundarten.

Sucht man nach der Herkunft dieses tupp, wird man bei den Kelten fündig: altirisch dub bedeutet ’schwarz‘, auch ein gallisches *dubo- ist denkbar. Dieses wäre dann als Substrat in die Sprachen übernommen worden, die das Keltische überdeckten (Frankoprovenzalisch im Westen sowie Alpenlombardisch im Süden der Schweiz).

Für die Übernahme aus dem Gallischen sprechen Flurnamen, in denen oft Wortmaterial aus früheren Sprachschichten abgelagert ist – so z.B. Tobwald (und mehrere ähnliche), Taubenloch oder Dubenschwarz. Die Wortbestandteile tob etc. lassen sich viel sinnvoller als ’schwarz, dunkel‘ erklären denn als ‚Taube‘, ‚Doppel-‚ (berndt. doppu-) oder ‚taub‘, wie das im Nachhinein geschah: Der Tobwald war ursprünglich ein undurchdringlicher, dunkler Wald, ein Schwarzwald. Auf Französischen heisst die Schwarztanne auch sapin double, wohl ebenfalls eine Neuinterpretation von *dub- ’schwarz‘ zu Doppel-.

wissen, dass wir nicht wissen

Dieses zusätzliche Wissen macht die Beurteilung nicht einfacher – es schwirrt etwas Keltisch-Romanisches herum und etwas Germanisches, aber nichts lässt sich richtig festnageln.

Was wir sagen können: Es gab wohl zwei ähnlich lautende Wurzeln, keltisch-romanisch *dub- > tupp/topp ’schwarz, dunkel‘ und germanisch *dauba- ‚wirr‘ > taub etc., deren Abkömmlinge sich im Grenzgebiet der Romania und Germania trafen und vermischten.

Tüppig ist dabei ein seltsamer Fall – die Lautung liesse sich einfacher mit dem romanischen tupp verbinden, und v.a. im Kanton Bern gibt es das Wort tupp in der Bedeutung ’schwül‘ – ist es also denkbar, dass die Bedeutung ’schwül‘ aus der romanischen Linie entstand? Die Bedeutung liesse sich Konstruieren über den Wald, wo es ‚dunkel‘, aber auch ‚feucht‘ ist, was dann auf einen (heiss-)feuchten Sommertag übertragen worden sein müsste – aber warum topp in Bern und in der restlichen Schweiz tüppig?

Einleuchtender scheint mir, dass tüppig schon da war in den deutschen Mundarten, sich die Bedeutung ’schwül, feucht‘ aber auf tupp übertragen hat, ein Lehnwort aus dem Romanischen. Dafür spricht auch das Nebeneinander von tupp und tüppig in den Mundarten nahe am Romanischen. Doch ganz rekonstruieren lässt sich die Geschichte von Bedeutungswandeln, Übertragungen und Vermischungen im Nachhinein nicht mehr.

noch mehr Verbindungslinien

Hier kommt uns in die Quere, dass wir wahnsinnig gut darin sind, überall Verbindungen zu sehen. Zur Thesenbildung ist das nützlich, doch muss man sich am Ende auch nicht zu schade sein, die Thesen wieder zu verwerfen oder nur mit einem dicken Fragezeichen zu präsentieren, was hier geschehen soll.

Die „Kreis-These“

Keltisch *dub- ’schwarz‘ geht auf dieselbe idg. Wurzel wie germ. *dauba- ‚wirr‘ zurück.

Dies würde es erlauben, die zwei Entwicklungen als zwei „Halbkreise“ zu sehen, die sich in berndt. tupp ’schwül‘ wieder treffen (Keltisch und Germanisch stammen schliesslich beide vom Indogermanischen ab). Eine schöne Vorstellung. Nicht nur Physiker, auch Linguisten mögen schliesslich Symmetrie.

Von den Fürsprechern wird angeführt:

  • Die Taube sei eigentlich ‚die Dunkle‘ – dies legt allerdings nahe, dass schon in idg. *dʰeu̯bʰ die Bedeutung ’schwarz, dunkel‘ angelegt war, wofür wieder ein Spagat nötig ist.
  • Auch keltisch *dub- ’schwarz‘ wird auf *dʰeu̯bʰ zurückgeführt. Dies ist jedoch zweifelhaft; lautlich müsste es zu *dʰeu̯b gehören, von dem tief abstammt (notabene mit anderer Entwicklung des Auslauts als taub). Aber eine Vermischung aufgrund der Ähnlichkeit ist auch hier möglich, und die Bedeutungsentwicklung lässt sich über ’schlecht zu sehen‘ konstruieren.

Fazit: könnte sein, aber muss nicht – a.k.a. Spekulation, die sich nicht mehr beweisen lässt a.k.a. Grenzen der Wissenschaft

Die „umnebelt“-These

Griech. τύφω typhō ‚Rauch machen‘ stammt ebenfalls von *dʰeu̯bʰ ab, die Bedeutungsentwicklung ist durch ‚umnebelt‘ vermittelt.

Ein weiterer Nebenschauplatz. Anderswo wird eine eigene Wurzel *dʰeu̯h₂ angesetzt. Auch hier bewegen wir uns am Rande des Nachweisbaren. Die Bedeutungsentwicklung ‚verwirrt‘ > ‚umnebelt‘ > ‚rauchend‘ klingt gut, aber auch etwas sehr kreativ und könnte in anderen Sprachen weniger überzeugen als im Deutschen, da nicht unbedingt dieselben Konnotationen bestehen, auf der die doppeldeutige Metapher ‚umnebelt‘ aufbaut.

Die These ist damit ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeit, Bedeutungsentwicklungen einige tausend Jahre später nachvollziehen zu wollen, und wie einfach wir dabei in die Irre geleitet werden können.

Die „taub/dumm“-These

Eine letzte These mit Fragezeichen betrifft dumm (bzw. tumb). Auch dieses wird zuweilen auf *dʰeu̯bʰ zurückgeführt, wofür ein -m- eingeschoben worden sein müsste – was denkbar ist, aber weder zwingend noch beweisbar.

Die Alternative ist idg. *dʰembʰ ‚erstaunen‘, wo das -m- schon da ist.

Auch hier ist es schwer, sich festzulegen. Am Schluss geht es um einen Laut, der in 5000 Jahren dazugekommen sein soll – kann sein. Oder nicht. Genau so gut könnte es sich um eine Mischung der beiden idg. Wurzeln handeln.

Fazit

Wir haben nun einige Bedeutungsentwicklungen gesehen, die nicht auf der Hand liegen. Was geht zusammen, was nicht? Die Erfahrung zeigt: mehr als man denkt. Es gibt viele Beispiele für „seltsame“ Bedeutungswandel. Schon in einigen Generationen kann sich die Bedeutung eines Etymons so verschieben, dass es weit weg ist vom Ausgangspunkt. Das rekonstruierte Indogermanische wurde vor mehreren tausend Jahren gesprochen.

An Lautentwicklungen kann man sich auf den ersten Blicken einfacher festhalten. Aber auch hier kann viel passieren, eine gewisse Zeit vorausgesetzt – ein t gegen ein d oder ein eingeschobenes -m- liegt im Bereich des Möglichen, und Vokale verändern sich eigentlich ständig. Dazu kommt die Möglichkeit von Berührungen innerhalb der Sprache (gut möglich, dass *dʰeu̯bʰ und *dʰeu̯b sich nicht schön abgegrenzt entwickelt haben) sowie über Sprachgrenzen hinweg, woraus unter Umständen ein unentwirrbares Netz entsteht.

Mögliche Entwicklungen rund um tüppig und *dheubh

Unklare Abstammungslinien sind gestrichelt dargestellt.
Literatur (neben den üblichen Quellen): Paul Zinsli 1960: Im Tuppuwald: Zur alemannisch-romanischen Berührung in Ortsname und Appellativ. In: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 16, S. 144–160

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