blutt & nackt

Blutt ist das schweizerdeutsche nackt. Wer sich volksnah geben möchte, schreibt in der Schweizer Presse von blutten Wanderern oder blutten Hollywood-Sternchen, dann klingt es nur halb so reisserisch.

Mich interessiert, woher dieses blutt kommt. Das Idiotikon und das deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm machen Auslegeordnungen: Blutt überschneidet sich in der Bedeutung mit blöd (‚weich‘) und bloss, auch in anderen germanischen Sprachen, da wäre z.B. gotisch blauþs oder altnordisch blautr, also alle Anschlüsse nicht unmöglich – aber die Form spricht dagegen: Lautwandel sind regelmässig, und für Ausnahmen ist ein guter Grund vonnöten. Aber dieses -tt passt einfach nicht ins Bild, also bleibt dem gewissenhaften Linguisten nur die Feststellung, dass es keine Lösung gibt, welche überzeugt:

in diesen consonanten steckt etwas unordentliches, jetzt noch unauflösbares (Grimm)

Die Beurteilung des durchgehenden tt begegnet z.T. noch ungelösten Schwierigkeiten … das lautliche Verhältniss ist nicht völlig klar. (Idiotikon 5,215f.)

Etwas weniger beredt bringt diesen Sachverhalt der Duden auf den Punkt: Herkunft ungeklärt.

Wie dem auch sei, blutt ist fest verankert im Schweizerdeutschen, flankiert von füdliblutt ’splitternackt‘, blüttle ’nackt sein‘ und Blüttler – genau, ‚ein Nackter‘. Die Google-Suche sei für Boulevard empfänglichen Lesern selbst überlassen.

Neu war mir, dass es das Wort auch ins Italienische geschafft hat (zumindest ins Lombardische): Biotto weist dabei die – regelmässige, die Welt des Linguisten ist wieder in Ordnung – italienische Vokalisierung auf wie fiore (von lat. florem) oder chiamare (von lat. clamare), ist also schon von alten Germanen in den Süden getragen worden.

nackt

Die Abstammungsgeschichte von nackt ist im Gegensatz zur schnell im Unklaren steckenbleibenden von blutt weniger problematisch: Wir haben eine rekonstruierte protoindogermanische Ausgangsform (*negʷ- ’nackt‘), deren Weiterentwicklungen in den meisten idg. Sprachfamilien auftauchen, und auch die Bedeutungen passen ohne grossen Spagat:

  • altindisch नग्न nagna ’nackt‘, नाग nāga ‚Schlange; Elefant‘ (das nackte Tier)
  • hethitisch nekumant- ’nackt‘
  • altirisch nocht ’nackt‘
  • russisch наго́й nagój ’nackt‘
  • lat. nūdus ’nackt‘
  • gr. γυμνός gymnós ’nackt‘.
  • und schliesslich dt. nackt < ahd. nackot < germ. *nakwada-

Damit wäre die Legokiste ausgeleert. Die Angelsachsen haben neben den germanischen Steinchen wie so oft auch die lateinischen und griechischen bei sich verbaut – neben naked gibt es auch nude (< lat.), und γυμνός finden wir in gym ‚Fitnessstudio, Sporthalle‘ wieder – eine Verkürzung des griechischen γυμνάσιον (gymnasion), dem Ort des γυμνάζειν (gymnázein) ’sich körperlich betätigen‘ – natürlich wenig bekleidet. Blüttle liess die alten Griechen also an Sport denken, nicht an Musse.

Im übertragenen Sinne wird das γυμνάσιον auch zum Ort jeglicher Übungen, also der ‚Schule‘ – daher das deutsche Gymnasium. Hierher gehört natürlich auch die Gymnastik. Auch beim Latein haben wir uns bedient, man denke an die Nudisten. Die Anreicherung durch lateinisches und (durchs Latein vermitteltes) griechisches Wortmaterial betrifft also nicht nur das Englische, sondern auch das Deutsche.

Schreibe einen Kommentar