Was zusammen gehört (und was nicht)

Welche der folgenden Wörter sind wohl verwandt?

  • Ähre
  • Akropolis
  • ätzen
  • Essig
  • Ecke
  • oxygen

Klar: Essig ist sauer, ogyxen ist Sauerstoff, und der hat die Säure schon im Wort, ätzen ist mit Säuere behandeln, passt – aber leider nur semantisch. Denn gerade diese drei Wörter stammen von verschiedenen Wortwurzeln ab.

Mit Ausnahme von ätzen und oxygen gehen alle Wörter auf die indogermanische (idg.) Wurzel *h₂ek̑- ’scharf, spitz‘ zurück . Und das kam so (Linien bezeichnen „direkte“ Abstammung, also Lautwandel und Lehnwörter, Pfeile bezeichnen Ableitungen):

Hek

*h₂ek̑- könnte man vereinfacht als ak aussprechen, denn der Laryngal h₂ fällt weg und färbt das e, und das palatale wird in den hier besprochenen Sprachen überall zu „normalem“ velarem k. Davon gibt es vier Ableitungen (bzw. ich beschränke mich hier auf diese, es gäbe noch viel mehr):

  • *h₂ek̑-h₁i̯é- ist das Verb dazu, ’scharf sein‘ (gemeint sind Speisen und Getränke). Die lateinische Fortsetzung läuft über dieses Verb.
  • *h₂k̑-es- bezeichnete wohl so etwas wie einen spitzigen Teil, besonders eines Getreidehalms, also ‚Granne‘ oder ‚Ähre‘.
  • Das Suffix *-ro- bildet Adjektive – da die Wurzel schon ein Adjektiv ist, bleibt die Bedeutung: *h₂(ē)k̑-ro- ’scharf, spitz‘
  • Das Abstraktum *h₂k̑-i̯eh₂- wird wohl so etwas wie ‚Spitze, Kante‘ bedeutet haben.

Der grösste Komplex ist *h₂ek̑-h₁i̯é-, von dem lat. aceō ’sauer, scharf sein‘ (z.B. von Wein) abstammt. Dazu wurden das Adjektiv acidus ’sauer‘ und das Substantiv acētum ‚Essig‘ gebildet. Acidus wird in frz. acide fortgesetzt, das von dort ins Englische gelangte, wo es ab dem 17. Jahrhundert belegt ist.

Das lateinische Wort für Essig, acētum, ist der direkte Vorfahre unseres Essigs. Wohl schon im Latein fand eine Metathese (eine Umstellung von Lauten) statt, aus der *atēcum resultierte, welches durch die hochdeutsche Lautverschiebung (t > s, k > ch, h) und mit einem Umlaut (a wird zu e vor i in der folgenden Silbe) zu essih wurde, von wo es lautlich nicht mehr weit ist zu Essig.

Ob altgriechisch (gr.) ὀξύς oxys ’sauer‘, welches ebenfalls ’scharf; sauer‘ bedeutet, zur gleichen Wortfamilie gehört, ist umstritten. Es könnte von derselbe Wurzel *h₂ek̑- abgeleitet sein, dafür muss man aber einige unregelmässige Vorgänge annehmen. Sicher ist hingegen, dass frz. oxygène ‚Sauerstoff‘ im 18. Jahrhundert aus ὀξύς + γένος gebildet wurde – γένος -genos bedeutet darin ungefähr ‚erzeugend‘, da angenommen wurde, dass Sauerstoff Säure erzeugt. Das Englische hat das Wort vom Französischen übernommen, das Deutsche hat es übersetzt.

Ein weiteres Nebengeleise ist ätzen. Es hat nichts mit saurem Essig zu tun, sondern mit essen. Die Kausativbildung *atjan bedeutet ursprünglich so viel wie ‚essen machen‘, auf Säuren bezogen also ätzen.

*h₂k̑-es- ist fortgesetzt in der deutschen Ähre, also der Spitze des Getreidehalms.

Ebenfalls ’scharf‘ bedeutet lat. ācer, wobei das -r vom -ro-Suffix in *h₂(ē)k̑-ro- kommt. Davon stammt auch gr. ἄκρος akros ’spitz auslaufend, an der Spitze stehend‘ ab, kombiniert mit der Polis, griechisch für ‚Stadt‘, ergibt das die Akropolis.

Eine weitere Ableitung ist idg. *h₂k̑-i̯eh₂- ‚Spitze, Kante‘, das im Germanischen zu *agjō wurde, und später zur Ecke oder englisch edge.

Man sieht: Was zusammen gehört, ist nicht immer so klar. Manche stellen auch, wie bereits geschrieben, ὀξύς in die gleiche Gruppe, ausserdem den Hammer, den Himmel, und sogar das h- von hören soll davon abstammen – ab einem gewissen Punkt bewegen wir uns dabei aber in der Sphäre der Spekulationen (wobei geübtere IndogermanistInnen mir bei diesem etwas pauschalen Urteil wohl widersprächen). Ausserdem ist zu bedenken, dass die Wortfolge ak sehr kurz ist und damit wenig komplex, was es in manchen Fällen erschwert, eine eindeutige Zuordnung zu einer rekonstruierten Wurzel vorzunehmen – ein ak könnte auch später in die betreffende Sprache gelangt sein oder von einer anderen Wurzel abstammen. Wir reden also von Möglichem und Wahrscheinlichem, nicht von Fakten. Ich habe versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner des tendenziell Gesicherten herauszuschälen.

In diesem Zusammenhang noch eine explizite Warnung: Auf Wiktionary findet sich zum Teil Haarsträubendes. Als Einstieg in Etymologien taugt Wiktionary durchaus, allerdings werden relativ gesicherte Fakten mit Hypothesen und Spekulationen gemischt und nicht als solche gekennzeichnet. Darum ist grosse Vorsicht geboten. Wer ernsthaft Etymologie betreiben will, ist zum jetztigen Zeitpunkt auf jeden noch Fall auf linguistische Literatur angewiesen, denn einseitige und unvollständige Informationen zeichnen ein ähnlich schiefes Bild wie falsche.

Benutzte Wörterbücher: NIL; LIV²; Gemoll; Stowasser; Brill Etymological Dictionaries: Proto-Germanic, Latin, Greek; oed.com; Kluge

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