In Schweden duzen sich alle

Die Schweden duzten sich alle, heisst es. Und es stimmt: Alle sprechen sich in Schweden mit du und Vornamen an, Chef und Arbeiter, Nachbarn und nach dem Weg Fragende. Die Ausnahme ist die Königsfamilie.

Doch das schwedische du ist nicht dasselbe wie das deutsche du: Es ist die unmarkierte Form, also der Normalfall. Da klingt nichts Vertrauliches mit. Im Deutschen ist du in vielen Gruppen ja auch die unmarkierte Form; Würde ein Zehnjähriger eine Klassenkameradin mit Sie ansprechen, wäre dies sehr seltsam. Die Höflichkeitsform ist also in diesem Kontext die markierte, das du die unmarkierte Form.

Zum „schwedischen du“ kam es aus zwei Gründen:

  • Einerseits war die Höflichkeitsform Ni („Ihr“) nur die Anrede von von jemandem mit höherem an jemanden mit tieferem sozialen Status, während in die andere Richtung (niederer Rang zu höherem) umständliche Konstruktionen in der 3. Person („Hat der Herr Direktor …“) herangezogen oder die Anrede durch unpersönliche Ausdrücke (Vad önskas? „Was wird gewünscht“, im Restaurant) umgangen werden mussten. Versuche zwischen 1850 und 1930, Ni analog zum dänischen/norwegischen De („Sie“) umzubesetzen (Höflichkeitsform ohne Koppelung an Status), bzw. gleich De zu importieren, misslangen.
  • Andererseits war die vorherrschende Sozialdemokratie seit jeher sehr auf jämlikhet, also Gleichheit, bedacht. Dass die komplizierte „Höflichkeitsfloskelei“ allen aus dem Hals hing, begünstigte die „Du-Reform“ (du-reformen) in den 60er-Jahren. Schon vorher ging man schnell zum du über (lägga bort titlarna, also „die Titel ablegen“), um sich die sprachlichen Umständlichkeiten zu sparen, doch mit der Du-Reform wurde ein für alle Mal Klarheit geschaffen.

Das du löste also Konstruktionen ab, die als veraltet wahrgenommen wurden. Am Anfang hatte es noch den Beiklang von „Solidarität unter Gleichen“, bald aber war das du nur noch neutral, so wie man im deutschsprachigen Raum auf der Strasse jemanden selbstverständlich mit Sie anspricht. Braunmüller* drückt es so aus: „Der Bereich des [schwedischen] du reicht also weit in den Bereich des [deutschen] Sie hinein.“

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Auch in den anderen skandinavischen Ländern bzw. Gesellschaften gab es parallele Entwicklungen. Inwiefern der Impuls vom Schwedischen ausging, kann ich nicht beurteilen, aber ich vermute, dass die Du-Reform durchaus einen Einfluss hatte, da sich die skandinavischen Länder eng verbunden fühlen.

Auf Island sagen alle þú („du“) und Vorname zueinander, und auch im Finnischen, das bekanntlich nicht zu den skandinavischen Sprachen im engeren Sinne (i.e. nordgermanischen) gehört, das aber kulturell eng mit Skandinavien verbunden ist, ist sinä („du“) und Vorname die übliche Anrede.

In Dänemark ist es etwas komplizierter (vgl. Grafik):

  • Dem deutschen Sie entspricht auf der „Formalitätsabstufung“ die Anrede mit vollem Namen (oder nur Nachname, ohne herr/fru), pronominal dann aber du, was auf Deutsch ziemlich doof und sicher nicht nett klingt: Du, (Anna) Meier.
  • Formeller als das deutsche Sie und oft im Geschäftsalltag benutzt ist die Anrede mit De („Sie“), dazu herre/fru und Nachname oder der volle Name.
  • Das schwedische du plus Vorname schliesslich wird unter Freunden, aber auch für gleichaltrige Gleichgestellte und sogar Höhergestellte verwendet und deckt somit einen grösseren Bereich als das deutsche du ab.

Norwegen steht zwischen Schweden und Dänemark, wobei das „schwedische“, allgemeine du in der gesprochenen Sprache der Normalfall, ein dem Dänischen ähnliches abgestuftes System aber noch intakt ist. Im Gegensatz zum Dänischen scheint sich das allgemeine du im Norwegischen durchsetzen zu können. Doch da das Norwegische das Übergangsstadium mit zwei Systemen noch nicht abgeschlossen hat, könnte es auch sein, dass das alte System erhalten bleibt oder sogar wieder stärker wird. Braunmüller nochmals: „[D]as alte, noch mehr an den Konventionen des Dänischen sich orientierende System, und das neue, mehr auf formelle [sic!] Gleichstellung wie im Schwedischen bedachte System [scheinen sich] zu überlagern.“

Und damit wären wir wieder bei der Feststellung vom Anfang: Das Duzen hat in Schweden bzw. Skandinavien nicht die Bedeutung, dass man ein einzig Volk von Brüder und Schwestern ist, sondern nur, dass man unkomplizierter ist: Sprachliche Gleichstellung kann zwar mit sozialer Gleichstellung einhergehen, muss aber nicht.

*Viele der Informationen stammen aus „Die skandinavischen Sprachen im Überblick“ von Kurt Braunmüller (Tübingen: Francke, 2007). Schwedisch S. 82-84, dänisch S. 137-139, norwegisch S. 190f.

One Comment

  1. Ja, das mit dem „Du“ ist etwas, das viele Deutschsprachige an den skandinavischen Ländern fasziniert bzw. manchmal stößt es auch auf Unverständnis. Wir scheinen Liebhaber von hierarchischen Strukturen auch in unserem Sprachgebrauch zu sein, in Schweden beispielsweise ist dies generell viel abgeschwächter. Da redet man seinen Vorgesetzten oder Professoren auf der Uni schlicht und einfach mit dem Vornamen und natürlich mit „Du“ an. Das finden viele meiner Freunde und Bekannten kurios, denn bei uns würde sich das wohl niemand trauen. Nur in Schweden ist das eben keine Sache von „sich trauen“, sondern eben völlig normal. Außerdem erleichtert es ein wenig das Lernen der Sprache, wenn man sich nur eine Form merken muss 😉

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