Neger! – oder: Sensibilisierung durch Sprache

Ist es rassistisch, wenn ich Neger sage? Ist es rassistisch, wenn ein Schwarzer zu einem Schwarzen Neger sagt? Hat die zur Zeit aktuelle Bezeichnung „Schwarze“ nicht auch eine negative Konnotation? (Vergleiche: Euphemismus-Tretmühle)

Ich komme auf das Thema wegen eines Artikels auf Spreeblick, wo von einem Professor berichtet wird, der Neger gesagt hat. Dazu nun ein paar Grundüberlegungen meinerseits, um das Ganze etwas aufzufächern: Warum soll man nicht Neger sagen?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Einstellung vor dem Gesagten zählt. Wenn ich also zwischen Schwarzen und Weissen keinen wertenden Unterschied mache und trotzdem Mohrenkopf oder Negerkuss sage, bin ich deswegen kein Rassist.

Die Bedeutung, also Denotation und Konnotation eines Wortes, können sich sehr schnell verändern – in gewissen sprachlichen Subkulturen ist Nigger ein Ausdruck der Anerkennung. Am Rande: Diese bewusste Annahme einer Bezeichnung und Umkehrung der negativen Konnotation hat schon oft Früchte getragen: siehe zum Beispiel gay, queer oder auch den zur Zeit je nach Umfeld verschieden besetzen Begriff Bitch. Sprachwandel eben.

Doch diese Differenzierung soll nicht alles so zerpflücken, dass am Schluss Neger damit legitimiert wird. Rassismus darf man kein Schutzmäntelchen umlegen, indem man sagt, ist doch eh alles egal. Aber man sollte sich auch bewusst sein, dass es nicht so einfach geht: „Jeder, der Neger gesagt hat, ist ein Rassist“, oder: „wenn jemand nicht immer geschlechtsneutrale Sprache verwendet, verbirgt sich dahinter eindeutig eine diskriminierende Haltung.“

Trotzdem halte ich diese sprachlichen Spitzfindigkeit für berechtigt. Denn beim Vokabular manifestiert sich Intoleranz. Nur ist es eben im Rückschluss bei weitem nicht immer Intoleranz. An der Sprache lässt sich festmachen, was nicht okay ist. Das hat nichts mit „den Mund verbieten“ zu tun.

Das Problem ist, dass Sprache kein unfehlbarer Indikator ist. Die Angeprangerten haben gelernt, ihre Sprache anzupassen, ohne dass sie dabei über ihre Einstellung nachdenken müssen. Welcher Rassist steht schon hin und behauptet stolz von sich, ein solcher zu sein? Es kann sowohl eine tolerante Gesellschaft von Homos und Tunten reden, als auch rassistische Politiker politisch korrekt von Schwarzen sprechen.

Man könnte also sagen, es ist tendenziell rassistisch, Neger zu sagen, aber deswegen bin ich noch kein Rassist. Ein winziger, aber wichtiger Unterschied. Die Sache mit dem Rückschuss, den schon die Calvinisten nicht differenzierten.

Im Zweifelsfall würde ich die Deutungshoheit den Betroffenen überlassen, da sie am besten beurteilen können, was für sie verletzend ist, auch wenn ich die schwarz-weisse Grenzziehung unter Umständen problematisch finde, die zum Beispiel der braune Mob vornimmt.

One Comment

  1. Jansen

    Hallo,
    bei der Diskussion um das „N-Wort“ ist es wichtig zu beachten, dass es um eine Fremdbezeichnung geht wenn Weiße das Wort benutzen. Von daher ist dies meiner Meinung nach nicht korrekt, vor allem wenn man die Geschichte des Wortes in betracht nimmt. Wenn z.B. ein Schwarzer es selber benutzt, geht es um Eigenbezeichnung und ist es demnach völlig ligitim. Dieses Unterschied haben viele leider noch nicht verstanden. Weißen sollten also ein bisschen mehr Empathie haben statt zu behaupten, dass es Kontextabhängig sei. Ich denke, dass es vor allem ein Problem des Unwissens ist.

    Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
    A.J.

    P.S. Ich bin selber keine Schwarze, beschäftige mich aber im Studium seit einiger Zeit mit diesem Thema.

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